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01.12.2021

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An der Kunsthochschule Kassel arbeitet seit Anfang des Jahres eine Forschungsgruppe mit künstlerischen, kuratorischen und wissenschaftlichen Mitteln an der Erforschung von NS-Kontinuitäten bei der documenta.

Seit Anfang 2021 arbeitet an der Kunsthochschule Kassel im Rahmen der documenta studien eine Gruppe künstlerisch und wissenschaftlich Forschender an der Frage nach NS-Kontinuitäten bei der documenta. Die von Nanne Buurman und Alexis Joachimides geleitete dis_kontinuitäten Forschungsgruppe ist Teil des noch von der documenta Professorin Nora Sternfeld und ihrem Team initiierten und vom Land Hessen geförderten Modellprojekts Kunst Forschung Praxis documenta zur Strukturbildung für künstlerische und wissenschaftliche Forschung am documenta Institut.

Von Anfang an war die 1955 gegründete documenta mehr als eine Ausstellung: als künstlerisch-intellektuelles Zeichen eines demokratisch-pluralistischen Neuanfangs stand sie für einen klaren Bruch mit dem Nationalsozialismus. Ästhetisch wie politisch wurde sie als Gegenentwurf und Rehabilitierung der von den Nazis sogenannten „Entarteten Kunst“ rezipiert – mitunter gar als Akt der Wiedergutmachung. Die Gruppe unterzieht den Gründungsmythos der documenta, der nicht erst durch die Entdeckung der NSDAP- und SA-Mitgliedschaft von Werner Haftmann und weiteren Gründungsfiguren der documenta eklatante Risse bekommen hat, einer umfassenden kritischen Revision.

Inwiefern prägten völkisch-nationalistische Narrative, Netzwerke und Strukturen aus der Zeit vor 1945 bzw. vor 1933 die Ausstellungsreihe? Welche personellen, politischen, ökonomischen, diskursiven und ästhetischen Kontinuitäten gibt es? Wer (oder was) wurde bei den ersten Ausgaben der documenta nicht ausgestellt? Was für eine Rolle spielt das Narrativ der Diskontinuität der documenta zum Nationalsozialismus ­– nicht bloß für den Mythos documenta, sondern auch für das post-nationalsozialistische Selbstverständnis der BRD und des wiedervereinigten Deutschlands?

Mit Mitteln der wissenschaftlichen, künstlerischen und kuratorischen Forschung widmet sich dis_kontinuitäten der kritischen Auseinandersetzung mit dem politisch ambivalenten im/materiellen Erbe der Moderne, das die documenta aufgrund ihrer spezifischen geopolitischen Position im sogenannten Kalten Krieg in besonderem Maße prägte, und untersuchen das un/heimliche Fortwirken von völkischen, antisemitischen, rassistischen und patriarchalen Mustern in Kunst und Kultur, Ausstellungs- und Bildungsinstitutionen bis heute.

Dabei ist es ein zentrales Anliegen auch die Situierung der unterschiedlichen Forschungsansätze selbst in vergangene und gegenwärtige Machtverhältnisse und epistemologische Regime zu berücksichtigen. In kritischer Auseinandersetzung mit Formen der Adressierung und Vermittlung der „Erbschaft dieser Zeit“ entwickelt die Gruppe verschiedene künstlerische, wissenschaftliche und kuratorische Formate, die sich beispielsweise in Ausstellungen, Publikationen oder Interventionen in den öffentlichen Raum manifestieren werden.

Bereits im letzten Jahr erschienen bei documenta studien die Aufsätze „Das Flüstern der Fußnoten. Zu den NS-Biografien der documenta Gründer*innen“ von Mirl Redmann und „Northern Gothic: Werner Haftmann’s German Lessons, or a Ghost (Hi)story of Abstraction“ von Nanne Buurman. Seit Herbst 2020 arbeitet im Rahmen von Buurmans Lehrveranstaltungen documenta and the Politics of Abstraction (WiSe 20/21) sowie d is for dis/continuity? NS-Kontinutäten bei derdocumenta (SoSe 2021) auch Studierende gemeinsam an diesem Thema. Im Februar fanden unter dem Titel d is for dis/continuity? Künstlerische und wissenschaftliche Forschungsperspektiven zu NS-Kontinuitäten zwei Auftaktworkshops mit Johanna Diel, dem Forum für demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst, Julia Friedrich, Christian Fuhrmeister, Mischa Kuball und Mirl Redmann statt.

Am 1. Juni, dem Jahrestag der Ermordung Walter Lübckes, war Ayşe Güleç zu Gast, um über gegenwärtigen Nazi-Netzwerke in Kassel und das Verhältnis von Kunst, Forschung und Aktivismus zu sprechen. Am 4. Juni fand die Auftaktveranstaltung des hochschulübergreifenden Projekts Rechte Kontinuitäten in der Kunstausbildung und an Kunsthochschulen zwischen Nanne Buurman (documenta studien, KHK) und Julia Kurz (Kulturen des Kuratorischen, HGB Leipzig) statt, wo auch die personellen und programmatischen Überscheidungen zwischen documenta und Kunsthochschule in den Blick genommen werden. Anfang Juni erschien auch der Aufsatz „d is for democracy? documenta and the Politics of Abstraction between Aryanization and Americanization” von Nanne Buurman im Modos Journal.

Am 21. Juni hat Dorothea Schöne vom Kunsthaus Dahlem über ihren kuratorischen Umgang mit dem architektonischen Erbe des Arno Breker Ateliers berichtet. Ende Juni erschien bei documenta studien unter dem Titel „Fließend, Fallend, Transluzent“ ein Gespräch zwischen Judith Raum & Ines Schaber, in dem es um die Politizität von Archiven, Autor:innenschaften und künstlerischer Forschung zur Bauhaus-Textilwerkstatt geht. Am 1. Juli wird Natascha Sadr Haghighian mit uns über künstlerische Dezentrierungen der Erinnerungskultur sprechen. Im Rahmen des Jahresrundgangs der Kunsthochschule Mitte Juli sind erste künstlerisch-kuratorische Formate geplant. Für die zweite Jahreshälfte sind weitere Publikationen, Aktivitäten und Kooperationen in Planung, die im November und Dezember 2021 in eine Ausstellung im Kasseler Kunstverein im Museum Fridericianum münden.

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